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Zum Artikel "Evolutionäre Strategien - Der Genetische Algorithmus" aus der der C't 5/2013

Über den Tellerrand

Wenn man das Prinzip des Genetischen Algorithmus verstanden hat und dessen Visualisierung am Bildschirm mitverfolgt, stellen sich unweigerlich Fragen, die über den Tellerrand hinausreichen. Es zeigt sich, wie unglaublich effizient die Natur bei der Anpassung der Arten an ihre Umwelt vorgeht. Es stellen sich Fragen wie: Woher kommt dieses Verfahren? Ist es zufällig entstanden? Wie kommt es, dass ein solch geniales und gleichzeitig triviales Verfahren den Werdegang allen Lebens auf diesem Planeten lenkt und beeinflusst? Damit ist man allerdings in den Bereich der philosophisch-metaphysischen Fragestellungen nach dem Hintergrund der Naturgesetzmäßigkeiten vorgedrungen.
Es stellt sich noch eine weitere Frage: Was bedeutet Evolution für die Menschheit? In einer Zeit, in der die Medizin so tiefgreifend gesundheitliche Probleme heilen kann und in der durch Sozialsysteme das Überleben jedes Einzelnen weitgehend sichergestellt ist, stellt sich unweigerlich die Frage, inwieweit das natürliche Selektionsverfahren ausgeschaltet wurde und weiche Konsequenzen das für Mensch und Gesellschaft haben mag. Was bedeutet "Fitness" in der heutigen Zeit, in der jegliche (positiven wie negativen) Eigenschaften auf den Fortbestand und die Reproduktion des einzelnen Individuums keinen nennenswerten Einfluss mehr haben? S0 ist zum Beispiel das menschliche Kniegelenk alles andere als optimal. Da aber keine Raubtiere mehr den Menschen zur Flucht zwingen, fehlt die Selektion, und somit wird das Kniegelenk auch nicht mehr weiter optimiert.

In unserer Zeit verläuft die Evolution der Menschheit auf der technisch-wissenschaftlichen Ebene. Die immer rasanteren Fortschritte innerhalb kürzester Zeiträume sind unübersehbar. Mit Hilfe der Technik überwindet der Mensch organische Grenzen. Er kann fliegen und er kann sich mit Fahrzeugen schneller fortbewegen als mit jedem noch so optimierten Kniegelenk. Er bedient Maschinen, die extreme Lasten bewegen oder die Milliarden von Berechnungen in der Sekunde ausführen, und er kann in Sekundenbruchteilen mit Hilfe des Internet rund um den Globus kommunizieren, Wissen abrufen und austauschen. S0 entwickeln sich die Individuen zwar nicht organisch weiter, aber sie entwickeln sich dennoch. Nämlich -wie Sigmund Freud in seinem Werk "Das Unbehagen in der Kultur" 1930 formulierte -zu einem Prothesengott.

Von Thorsten Radde, c't 2013, Heft 5

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